Demokratiebildung in emanzipatorischen Lerngelegenheiten
COOL Boardmitglied Johannes Reitinger
Der Begriff Bildung trägt eine emanzipatorische Note in sich. Bildung meint nicht lediglich den Erwerb von Wissen oder Kompetenzen, sondern die Entwicklung des Menschen zu einem selbstbestimmten, urteilsfähigen und verantwortungsvoll handelnden Individuum. Bildungsziel ist die Befähigung des Menschen, die Welt nicht nur zu erleben, sondern sie auch reflektiert und verantwortungsvoll mitzugestalten.
Diese partizipative, kooperative und selbstverantwortungsorientierte Grundidee, die für das Cooperative Offene Lernen (COOL) als grundlegend gilt, findet sich in besonderer Weise auch in dem wieder, was man heute als Metaansatz der Demokratiebildung beschreibt. Das Bildungsziel Demokratie wird dabei nicht ausschließlich als Staats- oder Regierungsform verstanden, sondern als Lebens- und Handlungsform. Demokratisches Entdecken und Handeln entsteht nicht primär durch Belehrung, sondern durch die Erfahrung der Beteiligung. Spätestens seit John Dewey (1933) ist der Pädagogik bewusst, dass Lernende Gelegenheiten erhalten müssen, Entscheidungen selbst zu vollziehen, Zielsetzungen mit anderen gemeinsam zu entwickeln und Verantwortung für deren Umsetzung zu übernehmen.
Dabei ist zwischen Freiheit und Rahmen zu unterscheiden. Demokratische Beteiligung und politische Bildung vollziehen sich nicht im luftleeren Raum, sondern innerhalb einer bestehenden Ordnung – der Polity. Diese umfasst die institutionellen, rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen, innerhalb derer Beteiligung, Mitentscheidung und Verantwortungsübernahme ausgestaltet werden kann. Lerngelegenheiten, in denen Demokratiebildung stattfindet, verstehen sich daher nicht als grenzenlose Sphären, sondern als Gestaltungsräume innerhalb eines gemeinsam getragenen Ordnungsrahmens.
Demokratiebildung verwirklicht sich folglich dort, wo Lernende an Zielsetzungen und Umsetzungsplanungen beteiligt werden und zugleich lernen, die Bedingungen und Regeln gemeinschaftlichen Handelns wahrzunehmen und zu reflektieren.
Als didaktisches Modell bietet sich hierfür z.B. das Forschende Lernen nach Reitinger (2015) an. Es verbindet Partizipation mit einem kritisch-hinterfragenden Lernzugang. Im Gegensatz zu herkömmlichen Konzeptionen des Forschenden Lernens, die sich primär auf das Durchschreien einer forschungsprozessuale Struktur beziehen, orientiert sich diese Konzeption des Forschenden Lernens an spezifischen Kriterien, die in forschenden Lerngelegenheiten zur Entfaltung kommen können und dabei auch beobachtbar bzw. messbar sind. Es handelt sich hierbei um das erfahrungsbasierte Hypothetisieren, das authentische Explorieren, den kritischen Diskurs und den konklusionsbasierten Transfer.
Das erfahrungsbasierte Hypothetisieren erlaubt den Lernenden, aus eigenen Erfahrungen Fragestellungen bzw. Vermutungen abzuleiten und im Kontext der Lerngelegenheit zu artikulieren. Bereits dieser Schritt ist im Kern demokratisch, weil er den Lernenden Partizipation auf inhaltlicher Ebene erlaubt.
Die begleitete eigenverantwortliche Auseinandersetzung mit persönlich relevanten Problemstellungen ist als authentisches Explorieren zu deuten. Lernende wählen Wege der Untersuchung, sammeln Daten, beobachten, hinterfragen und erproben Lösungsansätze und erleben so methodische Partizipation.
Lernprozesse dieser Art sind stets von kritischen Diskursen begleitet. Als essenzielle Zutat demokratischer Erkenntnisbildung treten solche Diskurse im Austausch von Erkenntnissen, in der Begründung von Positionen und in der Reflexion unterschiedlicher Sichtweisen zutage. In Diskursen werden auch der Gestaltungsraum, der zu berücksichtigende Rahmen und die Ideen und Anliegen anderer sichtbar.
Lernprozesse, in denen diese Kriterien zur Entfaltung kommen, sind auch geprägt von dem Bedürfnis, das Erfahrene bzw. Entdeckte zu kommunizieren bzw. anzuwenden. Es kommt zum konklusionsbasierten Transfer, welcher der Lerngelegenheit Sinn und eine persönlich spürbare Nachhaltigkeit verschafft.
Diese vier Kriterien können in unterschiedlichsten Settings zur Entfaltung kommen. Bereits Kleinkinder entdecken im freien Spiel neue Erkenntnisse, indem sie ihrer Neugierde im authentischen Explorieren freien Lauf lassen, sich mit Peers austauschen und die innerhalb des zur Verfügung stehenden Möglichkeitsraum gewonnenen Eindrücke kommunizieren oder in weiteren Lerngelegenheiten ausgestalten. Und selbst die Exzellenzforschung muss sich eingestehen, dass alles Wirken in diesem Feld vom Charisma des Erkenntnisinteresses, des selbstverantwortlichen Erforschens, des reflektierten Austausches mit anderen und der Fruchtbarmachung der Erkenntnisse für sich und andere getragen ist.
Ob im Elementarbereich, in der Schule oder im hochschulischen Bereich: Bildungsinstitutionen tragen in der heutigen Zeit Verantwortung, partizipative Lerngelegenheiten bzw. demokratische Bildung zu ermöglichen. Rein begrifflich – auch im Sinne der Wiederbelebung des Urgedankens von Bildung – könnte man mit Blick auf solches Lernen von Emanzipatorischen Lerngelegenheiten sprechen. Diese beschreiben Lernsettings, in denen persönlich relevante Anliegen, Partizipationsmöglichkeiten, kritisches Denken und demokratische Verantwortung innerhalb des gegebenen Ordnungsrahmen zusammengedacht werden. In ihnen werden Lernende nicht als Objekte pädagogischer Maßnahmen verstanden, sondern als aktiv Mitgestaltende und Forschende.
Hält man sich die Konzeption und Qualitätsmatrix von COOL vor Augen, so entdeckt man ohne große Mühe Parallelitäten. COOL ist quasi kompatibel zu der in diesem Newsbeitrag skizzierten Theorie der Emanzipatorischen Lerngelegenheiten. Welche Konsequenz können wir daraus ableiten? Eine wäre jene, konkretisierte Methoden, Materialien und Konzepte von COOL an den formulierten Kriterien Forschenden Lernens zu reflektieren und, orientiert an diesen, gegebenenfalls weiterzuentwickeln.
Vielleicht mögen sich Akteur:innen im Bildungsbereich verstärkt der Frage widmen, ob man zukünftig den Fokus nicht insgesamt stärker auf Emanzipatorische Lerngelegenheiten – und in diesem Sinne auch auf innovative praxiserprobte Ansätze wie COOL – setzen möchte. Angesichts der komplexer werdenden Gesellschaftlichen Herausforderungen und der Notwendigkeit demokratischer Bildung könnte das in diesen Lerngelegenheiten adressierte pädagogische Paradigma eine zukunftsweisende Perspektive für Schule, Hochschule und Weiterbildung im flächendeckenden Sinne werden. Es wäre wünschenswert. COOL trägt jedenfalls signifikant dazu bei, der Realisierung dieses Gedankens eine echte Chance zu geben.
Literatur:
Dewey, J. (1933). How we think. A restatement of the relation of reflective thinking to the educative process. Lexington: D. C. Heath & Company.
Reitinger, J. (2015). Selbstbestimmungsorientiertes forschendes Lernen – Theoretische Konzeption und empirische Zugänglichkeit. Erziehung und Unterricht, 7-8, 611–619.